Abhängigkeit in Beziehungen- warum emotionale Verstrickungen echte Gefühle ersticken und die Liebe sterben lassen.

Dieses Thema liegt mir besonders am Herzen. Denn abhängig verstrickte Beziehungen kommen sehr viel häufiger vor, als man meint. Was es bedeutet sich vom anderen abhängig zu machen, was dahintersteckt und wie man sich aus der Falle der Abhängigkeit befreien kann, darum geht in diesem Artikel.


emotionale AbhängigkeitGehörst Du auch zu den Menschen, die nicht allein sein können? Hast Du das Gefühl, ohne Deinen Partner unvollständig oder irgendwie nur halb zu sein? Möchtest Du am liebsten 24 Stunden rund um die Uhr mit ihm oder ihr zusammen sein oder  ihn oder sie keine Minute aus den Augen lassen? Fällt es Dir schwer zu vertrauen, kontrollierst Du ihn oder sie vielleicht sogar manchmal heimlich und schämst Dich dafür? Dann ist dieser Artikel für Dich. Abhängigkeit in Beziehungen ist ein weit verbreitetes Beziehungsmuster. Man merkt es den Betroffenen nicht auf den ersten Blick an, denn meist wirken Sie souverän, tough und außerordentlich selbstbestimmt. Sie wissen was sie wollen, so scheint es. Doch wenn sich dahinter ein brüchiges Selbstwertgefühl verbirgt, führt das nicht selten in eine emotionale Bedürftigkeit, dem Gefühl ohne den anderen nichts wert zu sein.

ICH durch Dich

Der berühmte amerikanische Sexualtherapeut David Schnarch spricht von einem geborgten oder gespiegelten Selbstwertempfinden. Gibt es jemanden, der mich schätzt, für mich da ist und mir seine Aufmerksamkeit und Bewunderung schenkt, dann kann ich auch mit mir selbst zufrieden sein oder mich okay fühlen. Zeigt mir mein Partner seine bedingungslose Liebe, dann ist das meine Quelle der Selbstliebe und der Beweis, dass ich liebenswert bin. Je weniger ein Mensch zu Selbstakzeptanz, Selbstfürsorge und Selbstliebe fähig ist, um so mehr braucht er für seine innere Stabilität die Zuwendung, Aufmerksamkeit und Liebe des anderen. Der Beziehungspartner ist dann zuständig für das eigene Selbstwertgefühl. Eine Disbalance entsteht, weil ich mir selbst nicht geben kann, was ich vom anderen brauche.

Menschen, die sich in eine solche emotionale Abhängigkeit verstricken, geben die Verantwortung für Ihr eigenes Befinden an Ihren Partner ab. Dabei leiden sie Höllenqualen. Sie leben in der ständigen Angst, den anderen zu verlieren. Das große Misstrauen lässt Sie die persönlichen Grenzen des anderen durchbrechen, aber auch Ihre eigenen. Sie spionieren, fordern und bitten, manipulieren geschickt und fühlen sich dabei doch innerlich ungenügend, klein und hilflos. Das Gefühl von Wertlosigkeit vergrößert sich immer weiter. Die emotionale Abhängigkeit wächst. In der Beratung spreche ich dann gerne von einem ICH durch DICH. Betroffene erkennen sich darin meist sofort wieder. Ich bin erst durch Dich vollständig und liebenswert. Ich brauche Dich. Ohne Dich kann ich nicht sein. Du musst für mich da sein.

Wenn die Beziehung zum emotionalen Gefängnis wird

Der Partner dagegen fühlt sich nach anfänglicher großer Verliebtheit bald schon erdrückt, überfordert und unfrei, weil er sich einer ständigen Erwartungshaltung und Vorwürfen gegenüber sieht. Und wie sehr er oder sie sich auch bemüht, den Partner oder die Partnerin zufriedenzustellen- es reicht doch nie. Die Vorwürfe, Erwartungen, die Kritik und das Bitten nehmen kein Ende. Eifersucht wird immer mehr zum Problem.  Das Schuldgefühl wächst. Jeder Versuch etwas nur für sich selbst und seine eigene Entwicklung zu tun, wird als Ablehnung und gegen die Beziehung gerichtet verstanden und mit Schuldgefühlen belegt. Ständige Diskussionen drehen sich immer und immer wieder um die gleichen Themen.

 Das Selbst des Einzelnen kommt in solchen Beziehungen kaum noch vor. Das meist unbewusste Ziel ist die Verschmelzung zu einem größeren, gemeinsamen  ICH, eine symbiotische Verbindung. Die Beziehung erstickt in einer erzwungenen Nähe, die für beide als Belastung erlebt wird. Die wahren Hintergründe der emotionalen Abhängigkeit sind dabei den Partnern meist nicht bewusst.

Liebe kämpft nicht, Liebe ist…

In der Folge sterben langsam aber sicher die wirklichen Gefühle für den anderen. Sie entstehen nun einmal aus der Freiwilligkeit und nicht als Verpflichtung. Wird der Druck zu groß, stirbt die Liebe wie ein zartes Pflänzchen, das niedergetrampelt wird. Dabei wächst das schlechte Gewissen und die innere Leere, am Ende fühlen sich beide aussichtslos in Ihrer Beziehung gefangen. Das lebendige Beziehungssystem wird starr und bewegungslos- eine Pattsituation, die sich in endlosen Grabenkämpfen, Diskussionen und bitteren Vorwürfen noch verstärkt.

Natürlich wünschen wir uns alle Zuwendung und Liebe, wir wollen angenommen und akzeptiert werden wie wir sind. Und wir streben nach Beziehungen, weil wir soziale Lebewesen sind. Doch sich etwas zu wünschen, oder etwas zu bevorzugen bedeutet nicht, sich davon abhängig zu machen und es um jeden Preis zu erzwingen oder sich selbst dafür aufzugeben. Das ist der Unterschied zwischen Bedürftigkeit und Freiwilligkeit. Wenn ich die Liebe meines Partners brauche, damit ich mich selbst liebenswert fühlen kann, dann bin ich bedürftig. Ich bin mir selbst nicht genug. Die Grenze zur emotionalen Abhängigkeit ist dort, wo ich bereit bin meine eigenen Grenzen zu übergehen. Das fällt Betroffenen oft gar nicht auf, denn Sie kennen dieses Verhaltensmuster schon Ihr ganzes Leben lang. Sie passen sich an den jeweiligen Partner scheinbar ideal an, übernehmen seine Interessen, erfüllen alle Bedürfnisse, teilen seine Meinung, seine Hobbys und sehen das als ganz normalen Weg an, um geliebt zu werden. Denn das ist überlebensnotwendig, weil es das ist, was sie selbst nicht können.

Das ICH, das DU und das WIR

Um in einer Beziehung zu Hause zu sein, muss ich erst einmal in mir selbst wohnen und dem anderen die Möglichkeit lassen, selbst auch bei sich zu bleiben. Nur so ist eine lebendige Beziehung möglich.

Genau genommen besteht eine Beziehung nicht nur aus einem WIR, also unserer Verbindung, sondern auch aus einem ICH und einem DU. Auch in einer Beziehung bleiben wir, wer wir sind: ein Individuum mit eigenen Bedürfnissen, Prägungen, Erfahrung, einer Art zu sein, die einmalig auf der Welt ist. Und auch unser Gegenüber lebt in seiner eigenen Wahrnehmungs- und Bedürfniswelt. Das ist vollkommen normal, sorgt aber in Beziehungen immer wieder für Probleme, wenn es darum geht eine gemeinsame Sichtweise zu finden, beziehungsweise die Ansichten unserer Partnerin oder unseres Partners überhaupt erst einmal zu akzeptieren.

Denn die Wahrheit ist: obwohl wir in einer gemeinsamen Realität leben, erlebt jeder der beiden Partner eine eigene innere Wirklichkeit. Das Phänomen kennt wahrscheinlich jeder. Das WIR, also unsere Beziehung ergibt sich gewissermaßen aus der Überschneidung der beiden Welten des ICH und des DU.

In einer gesunden Beziehung hat das ICH genauso Raum wie das DU und das WIR. Jeder der beiden Partner kann wachsen. Zusammen ist man mehr als die Summe der Teile. In abhängig verstrickten Beziehungen bleiben beide Partner klein, können also das eigene ICH genauso wenig entwickeln, wie sie dem DU Raum zum wachsen lassen. Ein hermetisch abgeriegeltes System der Angst entsteht, ein erstarrtes WIR, ohne Bewegung, ohne Inspiration, ohne Wachstum. Man fühlt sich zusammen nicht mehr wohl und allein auch nicht.

Lass los, was Du liebst

 Manche Beziehungen halten auf diese Weise über sehr viele Jahre. Doch für die trügerische Sicherheit zahlt man einen sehr hohen Preis. Sie sind gekennzeichnet von einem großen Mangel an Vertrauen, an Angst und Unsicherheit und vielen Streits und Diskussionen. Irgendwann fällt einem der Partner auf, dass die Liebe verschwunden ist und dann beginnt der Kampf erst richtig, denn es ist für beide Partner meist außerordentlich schwer, die emotional abhängigen Verstrickungen zu lösen.

ICH durch mich

Es gibt keine Sicherheit, nur verschiedene Grade von Unsicherheit. Das gilt auch für Beziehungen. Und obwohl mir das auch nicht immer gefällt, ist das nun einmal eine Realität des Lebens. Die vielen Trennungen von Paaren und die qualvollen Dramen die dabei entstehen können, zeigen: auch ein Versprechen wie die Ehe ist keine Garantie für eine gelingende Beziehung.

Die beste Voraussetzung für Beziehungsfähigkeit ist die Entwicklung einer gesunden Selbstbeziehung, der Fähigkeit mich anzunehmen und zu akzeptieren, wie ich bin, mich selbst zu regulieren und selbstbestimmt handeln zu können. Es geht dabei nicht darum, ein Egoist oder Einsiedler zu werden. Keine Angst! Es geht um ein ICH durch MICH. Ich bin durch mich selbst. Es geht genaugenommen um die Fähigkeit zur Autonomie. Und die gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen genauso wie das Bedürfnis nach Bindung. Es sind zwei Pole, zwischen denen eine erfüllte Beziehung balanciert in einem Verhältnis von Distanz und Nähe. Daraus wächst Anziehungskraft, Leidenschaft, der Wunsch nach einem freiwilligen WIR.

Menschen, die es als Kind schwer hatten ein gesundes Selbstwertempfinden zu erlernen, fällt es auch in Beziehungen oft schwer, Sie selbst zu bleiben. Sie wünschen sich mit dem Partner zu verschmelzen, sie klammern oder manipulieren. Sie machen sich selbst klein. Das alles ist eine unbewusst Strategie, um das verlorene Paradies der Kindheit von Sicherheit, Geborgenheit, Schutz und Annahme zu erreichen.

Oft haben Sie ein schlechtes Selbstbild, dass durch den Partner Ganzheit und Stabilität erfahren soll. Weil Sie schwer vertrauen können, brauchen Sie immer neue Beweise, dass Sie von Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin geliebt werden. Und dennoch reicht es nie. Denn das Loch des mangelnden Selbstwertes ist wie ein Fass ohne Boden .Es kann niemals durch jemand anderen dauerhaft gefüllt werden.

Das klingt erst einmal wie eine Enttäuschung, aber es gibt einem auch die Macht zurück. Denn es bedeutetet, dass ich selbst etwas tun kann, um mein Selbstwertempfinden aus mir heraus zu entwickeln. Dafür ist es nie zu spät und ich möchte Dir gerne dafür Mut machen. Es ist der Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben und glückliche Beziehungen.

Wenn Du das Gefühl hast, das dieser Artikel etwas mit Dir und Deiner Beziehung zu tun hat, dann kannst Du Dir zuerst ganz für Dich folgende Fragen ehrlich beantworten. Aber Achtung! Die Wahrheit kann manchmal wirklich weh tun.

1) Bin ich in dieser Beziehung aus Angst, aus Liebe oder aus Hoffnung?

2) Wenn ich keine Angst hätte und mir sicher sein könnte, dass alles richtig ist und ich von allen dafür Zustimmung bekommen- was würde ich dann am liebsten in Bezug auf meine Beziehung tun?

3) Wann war ich das letzte Mal in dieser Beziehung wirklich glücklich?

Ich bin gespannt, was Du für Dich herausfindest und ich freue mich natürlich wie immer, wenn Du Deine Erfahrungen mit mir und anderen Bloglesern teilen möchtest.

Alles Gute, bis zum nächsten Mal, Deine Claudia

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2 Comments

  1. Ein richtig toller Artikel! Den Satz „Es gibt keine Sicherheit, nur verschiedene Grade von Unsicherheit.“ kann ich nur unterschreiben!

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