Es ist immer noch ein Tabuthema, und doch betrifft es weit mehr Familien, als die meisten glauben. Schätzungen gehen von fast 100.000 Fällen in Deutschland aus, Tendenz steigend. Wenn erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, ist das für die Eltern ein Schock. Und für die Kinder ist es meist das Ende eines langen, stillen Kampfes.

Wenn das eigene Kind schweigt
Oft kommt das Schweigen für die Eltern völlig überraschend. Über die Gründe können sie nur spekulieren, denn die Kinder erklären sich meist nicht. Briefe bleiben unbeantwortet, Nachrichten werden ignoriert, Anrufe abgelehnt. Alle Versuche, wieder in Kontakt zu kommen, laufen ins Leere.
„Es war doch eigentlich immer alles gut zwischen uns, warum reagiert mein Sohn auf einmal so?“ „Warum dürfen wir unsere Enkel nicht mehr sehen? Was habe ich falsch gemacht?“ Solche Fragen lassen betroffene Eltern nicht mehr los. Das ganze Leben dreht sich um dieses eine Warum.
Dazu kommen Schuld und Scham und oft eine tiefe Verzweiflung. Und aus dem Umfeld hören sie nicht selten, dass mit ihnen doch irgendetwas nicht stimmen kann, wenn das eigene Kind nichts mehr mit ihnen zu tun haben will. Viele verlassene Eltern fühlen sich mit diesem Schmerz sehr allein.
Auch die Beziehung der Eltern zueinander leidet oft darunter, weil jeder anders damit umgeht.
Wie es aus Sicht der Kinder aussieht
Aus Sicht der erwachsenen Kinder sieht das Ganze völlig anders aus. Den Kontakt zu den eigenen Eltern abzubrechen, ist so gut wie nie eine spontane oder leichtfertige Entscheidung, auch wenn es von außen so wirken mag. Meist steht am Ende eine lange Entwicklung, die schon in der Kindheit begonnen hat.
Viele dieser Kinder haben immer wieder versucht, auf ihre Not aufmerksam zu machen, oft so leise, dass es keiner bemerkt hat. Sie fanden kein Gehör und fühlten sich nicht verstanden. Irgendwann blieb ihnen nur noch der Weg über Abstand und Abgrenzung. Und auch dieser Weg ist begleitet von Zweifeln, inneren Kämpfen und Schuldgefühlen.
Der Kontaktabbruch ist dann das äußere Zeichen für ein inneres Notsignal: „Ich kann nicht mehr, und so wie bisher will ich auch nicht mehr!“ Wer diese Reißleine zieht, fühlt sich meist schon lange verletzt, falsch gesehen oder nicht geliebt.
Es gibt keine Nicht-Kommunikation. Auch das Schweigen sagt etwas, nämlich: Unsere Verbindung, so wie sie ist, tut mir nicht gut. Auch wenn das für Eltern schwer zu ertragen ist: Kinder, die den Kontakt abbrechen, tun das selten, um ihre Eltern zu bestrafen. Sie tun es für sich. Sie sehen keinen anderen Weg mehr, um sich zu schützen.
Was helfen kann, auf beiden Seiten
Eltern sind auch nur Menschen, und sie waren selbst einmal Kinder mit ihrer eigenen Geschichte. Zu verstehen, warum die eigenen Eltern so gehandelt haben, warum sie kühl, streng, lieblos oder sogar übergriffig waren, heißt noch lange nicht, alles gutzuheißen oder verzeihen zu müssen. Es geht darum, den größeren Zusammenhang in der Familie zu erkennen. Das kann einen selbst befreien und dabei helfen, die eigenen alten Muster im Denken, Fühlen und Handeln hinter sich zu lassen. Verzeihen kann ohnehin erst, wer loslassen kann.
Und wenn Du als Mutter oder Vater betroffen bist: Du darfst Dir Hilfe holen, für Deine Trauer und für die Frage, was Du selbst verstehen möchtest. Druck und Vorwürfe schieben die Tür meist nur weiter zu. Was eher eine Chance hat, ist ehrliches Interesse daran, wie Dein Kind die gemeinsame Geschichte erlebt hat, auch wenn das wehtut.
Ich wünsche Euch, egal auf welcher Seite Ihr steht, dass Ihr mit diesem Schmerz nicht allein bleibt.
Ein Interview mit mir zum Thema Kontaktabbruch in Familien findest Du hier: Funkstille.
Herzlichst, Deine Claudia
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